Blitzfotografie für Einsteiger
Endlich Schluss mit harten Schatten und platten Fotos
Du kennst diese Fotos garantiert – vielleicht sogar aus deiner eigenen Kamera: ein blasses Gesicht, Glanz auf der Stirn, dahinter ein tiefschwarzer Hintergrund. Als hätte jemand die Person vor eine Tapete geklebt. Und danach hast du vermutlich genau das gemacht, was fast alle machen: den Blitz ausgeschaltet und dir geschworen, ihn nie wieder anzufassen.
Willkommen im Club! Kaum ein Werkzeug in der Fotografie hat einen so schlechten Ruf wie der Aufsteckblitz. Dabei liegt das gar nicht am Blitz selbst – sondern nur daran, wie wir ihn benutzen. Und genau das räumen wir heute auf.
Keine Sorge, wir gehen das ganz entspannt an – ohne Technik-Kauderwelsch, dafür mit einem Gedanken, der alles verändert, und einem Handgriff, der aus platten Blitzfotos plötzlich richtig schöne macht. Also: hinein ins spannende Thema „Blitzfotografie für Einsteiger“.
Der Blitz hat zu Unrecht einen schlechten Ruf
Die typischen Blitzfotos sehen fast immer aus demselben Grund unschön aus. Der Blitz feuert mit voller Kraft, frontal, direkt aus der Kamera heraus – wie ein winziger Scheinwerfer, der jemandem mitten ins Gesicht leuchtet. Und Licht von vorn ist nun mal das unvorteilhafteste Licht überhaupt: Es bügelt jede Form platt und wirft harte Schatten hinter die Person. Deswegen hat der Blitz seinen „schlechten Ruf“ weg.
Aber: der Blitz ist natürlich nicht dein „Angstgegner“. Er ist „nur“ eine hilfreiche, kleine, transportable Lichtquelle, die du in der Fototasche mit dir herumträgst 🙂 Und wie bei echtem Sonnenlicht kommt es eben darauf an, aus welcher Richtung es kommt und wie weich es ist.
Kurz zur Begriffsklärung: Es geht hier um System- oder Aufsteckblitze – die Geräte, die oben auf die Kamera kommen (oder eben auch mal runter, dazu später mehr). Welche Marke du nutzt, ist dabei völlig zweitrangig. Was du gleich lernst, gilt für jeden Aufsteckblitz.
Ein Gedanke, der die Blitzfotografie verständlich macht
Wenn du dir aus diesem Blogpost nur einen Satz merkst, dann bitte diesen: Ein Blitzfoto ist eigentlich nicht ein Bild – es sind zwei Belichtungen in einem.
In jeder geblitzten Aufnahme mischst du im Prinzip zwei völlig verschiedene Lichtquellen. Da ist das Umgebungslicht – das Licht, das sowieso schon im Raum ist. Und da ist der Blitz – ein extrem kurzer, heller Lichtimpuls.
Und jetzt der Trick, mit dem das plötzlich steuerbar wird:
Die Blende steuert den Blitz. Die Verschlusszeit steuert das Umgebungslicht.
Das klingt vielleicht erstmal unverständlich, ist aber eigentich ganz logisch: Der Blitz ist so kurz, dass es ihm egal ist, ob dein Verschluss eine Hundertstel oder eine halbe Sekunde offen ist – er ist längst wieder aus. Wie hell der Blitz im Bild ankommt, regelst du deshalb über die Blende (und die Empfindlichkeit). Das Umgebungslicht dagegen sammelt sich über die Zeit: Längere Verschlusszeit heißt mehr Umgebungslicht, hellerer Hintergrund. Kürzere Zeit: dunklerer Hintergrund.
Das bedeutet für dich in der Praxis: volle Kontrolle. Ist der Hintergrund hinter deinem Motiv tiefschwarz abgesoffen? Verlängere einfach die Verschlusszeit. Ist er zu hell? Zeit verkürzen. Ist die Person selbst zu hell oder zu dunkel? Da gehst du über Blende oder Blitzleistung ran. Zwei Regler, zwei Aufgaben – das ist der Drehpunkt, an dem sich Blitzen plötzlich richtig anfühlt.
Das Schwarzbild-Experiment
Willst du das mal live sehen? Stell an deiner Kamera Blende 5,6, 1/160 Sekunde und ISO 100 ein. Mach jetzt in einem ganz normalen Zimmer ein Foto – ohne Blitz. Du bekommst ein fast komplett schwarzes Bild, denn das Umgebungslicht reicht bei diesen Werten nicht aus, um dein Foto zu belichten. Damit hast du eine der beiden Lichtquellen, das Umgebungslicht, „ausgeschaltet“. Das macht die Sache für’s erste etwas einfacher. – Schaltest du nämlich jetzt den Blitz an und löst nochmal aus, weißt du hundertprozentig: Alles, was du siehst, kommt allein vom Blitz. Einfacher lässt sich kaum zeigen, was der Blitz leistet.
Würdest du jetzt die Blende öffnen oder schließen, würde dein Foto heller oder dunkler werden. (Das machst du aber in der Regel nicht, du steuerst die Helligkeit deines Fotos meist mit der Leistung deines Blitzes.)
Ein Hinweis für alle mit spiegelloser Kamera
Deine Kamera zeigt dir normalerweise im Sucher schon vor dem Auslösen, wie hell dein Bild wird – praktisch im Alltag, beim Blitzen aber ein Problem, weil die Vorschau den Blitz noch gar nicht kennt. Du starrst dann auf ein fast schwarzes Sucherbild. Die Lösung: Schalte diese Belichtungsvorschau für's Blitzen einfach aus. Je nach Marke heißt die Einstellung anders – bei Fujifilm „Belichtungsvorschau/Weißabgleich" (auf „Off"), bei Sony „Live View Display" („Setting Effect OFF"), bei Canon „Exposure Simulation" (Exp.SIM, aus) und bei Nikon „Exposure Preview" beziehungsweise „Einstellungen im Livebild übernehmen" (ebenfalls aus). Klingt nach Kleinkram, macht beim Blitzen aber einen Riesenunterschied.
Eine Zahl solltest du dabei im Hinterkopf behalten: die Blitzsynchronzeit. Das ist die kürzeste Verschlusszeit, bei der dein Blitz noch das ganze Bild sauber ausleuchtet – bei den meisten Kameras liegt sie zwischen 1/125 und 1/250 Sekunde. Machst du kürzere Zeiten, kann ein dunkler Streifen ins Bild wandern. Die einfache Faustregel für's Erste: Bleib bei oder unter deiner Synchronzeit, dann bist du auf der „sicheren Seite“.
TTL oder manuell – wie findest du die richtige BlitzLeistung?
Soll der Blitz selbst denken, oder übernimmst du das? Es gibt zwei Betriebsarten.
Im manuellen Modus bestimmst du die Leistung selbst. Der Vorteil: das ist einfach, konstant und vorhersehbar. Bleiben Abstand und Blitzleistung gleich – wie bei einem festen Aufbau oder im Studio –, ist manuell eine ziemlich entspannte Sache. Die richtige Leistung findest du ganz einfach über Probefotos: Motiv zu hell? Leistung eine Stufe runter. Zu dunkel? Wieder rauf. Nach zwei, drei Versuchen hast du die richtige Einstellung raus.
Meine Empfehlung für den Anfang: Starte manuell. Lerne das Blitzen so erstmal in Ruhe kennen, ohne dich von einer Automatik verwirren zu lassen. Sobald du dich in einem Setup auskennst, in dem sich nichts bewegt, probier auch mal TTL aus.
TTL steht für „through the lens" – Kamera und Blitz messen mit einem Vorblitz selbst, wie viel Licht die Szene braucht, und stellen automatisch die passende Leistung ein. Praktisch und schnell, besonders wenn sich die Situation ständig ändert – auf einer Feier, bei einem Event. Liegt die Automatik mal daneben, hilft die Blitzbelichtungskorrektur: ein Plus oder Minus, mit dem du sagst „einen Tick heller" oder „einen Tick dunkler".
Der „Trick“, der alles verändert: indirekt blitzen
Und jetzt kommt der versprochene „Trick“ – der ist so einfach, dass du gleich schmunzeln wirst. Die meisten Aufsteckblitze haben einen beweglichen Kopf, den du nach oben klappen und oft auch zur Seite drehen kannst. Genau das ist der Handgriff, der alles besser macht. Statt einer Person frontal ins Gesicht zu leuchten, richtest du den Blitzkopf nach oben – gegen eine weiße Decke. Das Licht prallt jetzt von der Decke ab und kommt jetzt groß und weich von oben auf die ganze Szene herab.
Das nennt man indirektes Blitzen oder „Bouncen" – und der Unterschied ist wirklich verblüffend. Aus einer kleinen, harten Lichtquelle wird plötzlich eine riesige, weiche: die ganze Decke. Harte Schatten verschwinden, die Haut wirkt natürlicher, das Bild bekommt Tiefe. Genau der Moment, in dem auch meine Workshop-TeilnehmerInnen zum ersten Mal sagen: „Ach so – das macht der Blitz ja richtig schön!"
Eine Bedingung gibt es hier natürlich: Du brauchst eine helle, möglichst weiße Fläche in der Nähe. Ist die Decke knallgelb oder dunkel vertäfelt, färbt sich dein Licht ein. In ganz normalen Räumen mit weißer Decke aber – ein Traum.
Und draußen bei Sonne? Stichwort Aufhellblitz. Fotografierst du jemanden im Gegenlicht – Sonne im Rücken, Gesicht im Schatten –, gibst du einfach ein bisschen Blitz von vorn dazu. Der Hintergrund bleibt hell, das Gesicht wird sanft aufgehellt statt grau im Schatten zu bleiben. Hier hast du die zwei Lichtquellen (Umgebungslicht und Blitz), die deine Belichtung beeinflussen. Stelle erst die Belichtung auf das vorhandene Licht ein und nimm denn eben noch ein wenig Blitz dazu. Das ist oft schon der halbe Weg zu einem richtig schönen Portrait. – Im TTL-Modus hilft oft eine leichte Blitzbelichtungs-Korrektur …
Und wenn du schon mal einen Blick auf die nächste Stufe werfen willst: Beim entfesselten Blitzen nimmst du den Blitz von der Kamera runter und stellst ihn seitlich, ein bisschen erhöht, auf – ausgelöst per Funk. Sobald das Licht von der Seite statt von vorn kommt, bekommen Gesichter und Gegenstände plötzlich Form und Plastizität. Ein einfacher Durchlichtschirm macht aus deinem kleinen Aufsteckblitz dann noch ein besonders weiches, schmeichelhaftes Licht. Aber das ist ein eigenes, spannendes., späteres Kapitel (Stichwort: Portraitfotografie im Studio).
Eine kleine Praxisaufgabe
Genug gelesen – jetzt bist du dran, und das kostet dich keine fünf Minuten:
- Such dir ein Motiv, das stillhält – eine Person, ein Kuscheltier, eine Obstschale – in einem Raum mit heller Decke.
- Foto 1: Blitz ganz normal frontal, so wie er standardmäßig steht.
- Foto 2: Blitzkopf nach oben klappen, gegen die weiße Decke – gleiches Motiv nochmal. (Achtung: die Blitzleistung muss angepasst (erhöht) werden!)
- Vergleiche: Wie hart sind die Schatten? Wie glänzt Haut oder Oberfläche? Wie natürlich wirkt das Ganze?
Der Unterschied wird dich überraschen. Für Fortgeschrittene: Nimm den Blitz von der Kamera und lass ihn seitlich halten – so siehst du direkt, wie seitliches Licht deinem Motiv Form gibt.
Kurz zusammengefasst
Der wichtigste Satz aus diesem Artikel: Ein Blitzfoto sind zwei Belichtungen in einem – die Blende steuert den Blitz, die Verschlusszeit das Umgebungslicht. Fang im manuellen Modus in einfachen, unbewegten Szenen an. Und der Handgriff, der den größten Unterschied macht, ist zugleich der einfachste: Blitze nicht direkt, sondern indirekt über die Decke. Aus hart wird weich, aus platt wird schön.
Und jetzt? Ausprobieren!
Lesen ist die eine Sache, ausprobieren die andere, bessere. Willst du das Blitzen live üben, statt allein herumzuprobieren? Dafür sind meine Workshops Blitzen: Basics und dann auch Portraitfotografie: im Studio da. Wir bauen dort gemeinsam verschiedene kleine Lichtsets auf – mit Blitz, Lichtformern (und im Portraitfotografie-Workshop auch mit einem Model) – und du siehst sofort, was passiert.
Wenn dir dieser Blog-Beitrag weitergeholfen hat: abonniere gern auch meinen Newsletter für weitere Tipps und Neuigkeiten. Hör unbedingt auch in die Folge über Blitzfotografie von „Abenteuer Fotografie – Der Podcast für Fotomenschen und Fotopraxis“ rein – dort habe ich dieses Thema gerade ausführlich besprochen. – Und wenn du magst: Abonniere auch gleich meinen YouTube-Kanal, da gibt es demnächst ergänzende Videos zu solchen „kleinen" Themen, unter dem Motto „Technik trifft Kreativität".
Vor allem aber: Trau dich ran ans Blitzen! Probiere deinen Aufsteckblitz jetzt wirklich mal aus – das macht Spaß und das eröffnet dir ganz neue, spannende Fotowelten. 🙂






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