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Bewegungsunschärfe als Gestaltungsmittel in der Fotografie

Wie aus Wischern tolle Fotos werden

 

Die meiste Zeit, in der du fotografierst, drehst du dich vermutlich um genau eine Frage: Wie bekomme ich mein Motiv scharf? Kurze Verschlusszeit, Nachführ-Autofokus, Serienbild – alles, damit ja nichts verwischt oder verwackelt

Und dann gibt es einige echt spannende Techniken, bei denen du das komplette Gegenteil tust – und trotzdem (oder gerade deswegen) richtig starke Bilder bekommst: die bewusst eingesetzte Bewegungsunschärfe. Auch sie ist – wie die Gestaltung mit Schärfentiefe – ein essentielles Gestaltungsmittel in der Fotografie.

 

Zwei ganz unterschiedliche Arten von Bewegungsunschärfe

Bevor es an die Praxis geht, lohnt sich eine kurze begriffliche Klärung bzw. Unterscheidung, denn „Bewegungsunschärfe" ist nicht gleich „Bewegungsunschärfe":

Variante 1 – die Kamera steht still, das Motiv bewegt sich. Fließendes Wasser bekommt eine seidig-glatte Oberfläche, eine Fußgängerzone wird zu einem Gewusel aus Schemen, während Gebäude oder Bäume gestochen scharf bleiben. Das funktioniert mit der Kamera auf dem Stativ und einer längeren Verschlusszeit – je nach „Geschwindigkeit“ des Motivs reichen schon 1/15 Sekunde, um Bewegungsunschärfe als Gestaltungsmittel eisnetzen zu können. Bei fließendem Wasser oder brandendem Meer dürfen es auch mal ein paar Sekunden sein.

Variante 2 – die Kamera bewegt sich mit. Das ist die sogenannte Mitzieh-Technik, im Englischen „Panning" genannt: Du folgst einem bewegten Motiv mit der Kamera, drückst währenddessen ab – und das Ergebnis ist ein Motiv, das relativ scharf bleibt, während der Hintergrund zu dynamischen Streifen verwischt. Genau diese Technik schauen wir uns heute genauer an, denn sie ist diejenige, die mal ganz subtile Wirkungen haben kann oder auch den meisten Wow-Effekt für die Ergebnisse liefert.

Variante 1 ist relativ leicht umzusetzen. Die Kamera kommt, wie gesagt, auf’s Stativ … und du die Komposition deines Fotos und um die Auswirkung von verschiedenen Belichtungszeiten auf die Ergebnisse. Wenn sich Menschen bewegen und du etwas Dynamik ins Bild bringen möchtest experimentiere mit Verschlußzeiten zwischen 1/60 und 1/20 Sekunde. Je nachdem, wie verwischt eine Hand mit einem Werkzeug, eine gehende Passantin oder ein tanzendes Hochzeitspaar sein soll. – Den Wasserfall oder das brandende Meer möchtest du in der Regel mehrere Sekunden lang belichten; dafür brauchst du außer dem Stativ auch einen ND-Filter. Mehr dazu kannst du auch hier nachlesen: Langzeitbelichtung

1/15 Sekunde Belichtungszeit
unscharfe Fotos
Langzeitbelichtung an der Ilse

Wie die Mitzieh-Technik funktioniert

Das Prinzip ist auch bei Variante 2 eigentlich simpel: Wenn sich deine Kamera während der Belichtung im selben Tempo mitbewegt wie dein Motiv, bleibt dieses Motiv relativ ruhig zum Sensor – während alles andere, was sich relativ zur Kamera bewegt (also der stillstehende Hintergrund), zu Linien verschmiert. Das Ergebnis: ein Foto, das Tempo und Dynamik zeigt, obwohl es ein Standbild ist.

Die Verschlusszeit ist dabei der wichtigste Regler. Zu kurz (etwa 1/1000 Sekunde), und du frierst einfach alles ein – der Effekt bleibt aus. Zu lang (etwa 1/8 Sekunde), und selbst dein Hauptmotiv verwischt zu stark. Ein guter Startpunkt für die meisten Situationen liegt oft bei 1/30 Sekunde – bei einem Radfahrer etwas kürzer, bei einem gemächlich laufenden Menschen etwas länger. Am Ende läuft es aber immer auf Ausprobieren hinaus: Mach ruhig mehrere Aufnahmen mit leicht unterschiedlichen Zeiten und schau, welche dir am besten gelingen und gefallen.

Die Bewegung selbst sollte natürlich möglichst gleichmäßig und flüssig sein – aus der Hüfte drehen statt nur aus dem Handgelenk, die Füße dabei schon in die Richtung gedreht, in die die Bewegung geht. Ein kleiner Trick: Fang die Bewegung schon an, bevor das Motiv wirklich auf deiner Höhe ist, drücke im Vorbeiziehen ab und führe die Bewegung danach noch ein Stück weiter – so wie ein Golfschwung, bei dem der Schläger auch nach dem Treffer nicht abrupt stoppt.

Der Autofokus darf dir dabei ruhig weiter helfen: Nachführ-Autofokus (AF-C) bleibt auch bei der Mitzieh-Technik sinnvoll, damit dein Hauptmotiv trotz der Bewegung im Fokus bleibt. Und weil nicht jeder Versuch auf Anhieb sitzt, lohnt sich auch hier der Serienbildmodus – mach ruhig fünf, sechs Aufnahmen pro Durchgang und such dir danach die gelungenste heraus.

Mitzieher

Wo diese Technik richtig gut wirkt

Die Mitzieh-Technik ist praktisch überall einsetzbar, wo sich etwas gleichmäßig durchs Bild bewegt:

  • Radsport: der Klassiker, wenn sich die Speichen zu einem Kreisel verwischen und die Beine des Fahrers in Bewegung bleiben
  • Laufen: verleiht selbst gemütlichem Jogging-Tempo optisch mehr Dynamik
  • Verkehr: Autos, Straßenbahnen oder Züge, die „schnell“ durch die Straßen fahren … oder nachts Lichtstreifen durchs Bild ziehen
  • Spielende Kinder oder Haustiere: überraschend gut geeignet, weil die unregelmäßige Bewegung oft ein natürlicheres, verspielteres Ergebnis liefert als bei durchtrainierten Sportlern

 

Typische Stolpersteine

Zu wenig Übung, zu schnell aufgegeben: Die Mitzieh-Technik gehört zu den Fototechniken, bei denen die Trefferquote anfangs niedrig ist – das ist völlig normal. Zehn Versuche, zwei gute Bilder: eine realistische Erwartung für den Anfang.

Kamera nur aus dem Handgelenk bewegt: Das führt zu einer holprigen, nicht ganz gleichmäßigen Bewegung – und genau die sieht man dem fertigen Bild an. Die Drehung aus der Hüfte oder dem Oberkörper heraus ist deutlich ruhiger.

Falsche Erwartung an die Aufnahmen: Schau dir die Bilder nicht nur auf dem kleinen Kameradisplay an, sondern vergrößere sie – manchmal wirkt ein Bild erst am größeren Bildschirm richtig überzeugend, während es auf dem Display eher enttäuschend aussieht.

 

Versuch macht kluch!

Schnapp dir deine Kamera und such dir ein Motiv, das sich einigermaßen gleichmäßig bewegt – ein Radfahrer auf dem Radweg, jemand joggt vorbei, oder notfalls auch Autos an einer ruhigen Straße. Stell eine Verschlusszeit von etwa 1/30 Sekunde ein, aktiviere den Nachführ-Autofokus und den Serienbildmodus, und probiere die Mitzieh-Bewegung mehrfach aus. Du nimmst dein Motiv, gehst die Bewegung mit, löst in der Bewegung aus … und bewegst dich noch etwas weiter. Versuche dabei, das Motiv möglichst parallel vor dir zu haben; wenn es sich auf dich zu oder von dir weg bewegt, ist die Bewegung lange nicht so gut zu sehen. – Vergleiche danach in Ruhe deine Versuche: Bei welchem Bild bleibt das Hauptmotiv noch erkennbar scharf, während der Hintergrund schön verwischt?

In meinen 17 kleinen Foto-Aufgaben findest du neben dieser Praxisübung auf noch 16 weitere. Schau da gern mal rein!

 

Wenn du das Thema Bewegung in der Fotografie noch weiter vertiefen willst: In der Podcast-Folge Sportfotografie. Bewegte Momente perfekt fotografieren geht es eben darum, wie du bei Fußball, Reiten, Schwimmen und anderen Sportarten Bewegung gezielt einfrierst – die Mitzieh-Technik als kreatives Gegenstück wird dort ebenfalls kurz angesprochen. Und wenn du solche Techniken lieber live und mit direktem Feedback ausprobieren möchtest, schau gern in den Fotokursen und Workshops der Fotoschule Hannover vorbei – alle Termine findest du im Workshop-Kalender

Unschärfe in der Fotografie
Unschärfe durch Kamerabewegung
Bewegungsunschärfe

Nicht Sport, sondern Poesie

Eine sehr schöne „Variante 2b“ solltest du unbedingt auch einmal probieren. Dabei bewegt sich die Kamera durchaus, sie versucht hier nur nicht, ein Motiv scharf abzubilden. Wenn du die Kamera einfach nur von oben nach unten bewegst, etwa in einem lichten Wald, verwischt du die Baumstämme zu unscharfen vertikalen Strukturen. Variiere Verschlußzeit und Geschwindigkeit deiner Bewegung. Oder du bewegst die Kamera ganz langsam horizontal und parallel zu Strand, Meer, Himmel. Das gibt sehr poetische, weiche, pastellige Farbflächen. Oder du drehst die Kamera  während der Belichtung um’s Objektiv herum. Auch das kann eine spannende Bildwirkung ergeben. „ICM“ (Intentional Camera Movement) heißt das. Und es mach Spaß 🙂

Intentional Camera Mevement
Intentional Camera Movement
Fototrainer Thomas Kupas

Über den Autor

Thomas Kupas ist ausgebildeter Fotodesigner und immer noch leidenschaftlicher Fotograf und Fototrainer.
In seinem Blog schreibt er über alle Genres der Fotografie, über Fototechnik und über das Fotografieren lernen für AnfängerInnen.
In seinem Podcast und auf seinem YouTube-Kanal spricht er außerdem über interessante Themen und Entwicklungen in der Fotografie, erklärt und zeigt den Umgang mit Fototechnik und stellt spannende Fotospots und -locations vor.

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