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Fotografen-Latein

Kluge Merksprüche, halbe Wahrheiten und echte Foto-Erfahrung (Teil 2)

 

In diesem zweiten Teil des Blogposts zum Thema Fotografen-Latein zitiere und erkläre ich noch ein paar mehr von diesen mehr oder weniger klugen Merksprüchen rund um die Fotografie. Und ich weite das Thema über die technischen Aspekte hinaus in Richtung „Fotografie & Lebensgefühl“.

Ganz zum Schluß gibt es noch eine kleine Einordnung all dieser Sprüche, Wahrheiten, Erfahrungen in den fotografischen Alltag und die fotografische Sicht auf die Welt.

 

„Bei Mensch und Tier Blende 4“

Auch das ist ein alter und sicher weithin bekannter Merkspruch … mit Reimcharakter. Gemeint ist hier: Für Menschen und Tiere ist eine offenere Blende oft eine gute Idee. Der Hintergrund wird unscharf und damit ruhiger, das Motiv hebt sich besser ab, und du bekommst häufig genau die Bildwirkung, die bei Portraits oder Tierfotos gewünscht ist.

Als grobe Startmarke ist das durchaus brauchbar. Wer draußen Menschen fotografiert, fährt mit Blende 4 oft gar nicht schlecht. Das Motiv trennt sich vom Hintergrund, und gleichzeitig hat man noch etwas Reserve in der Schärfentiefe.

Aber natürlich hängt auch hier alles von der konkreten Situation ab. Fotografierst du eine Gruppe? Ein Tier, das sich schnell bewegt? Ein Gesicht frontal oder seitlich? Arbeitest du mit Tele oder Weitwinkel? Dann kann Blende 4 perfekt sein, zu offen sein oder auch gar nicht offen genug. Ich vermute, diese Regel stammt aus Zeiten, als die 50 mm Festbrennweite mit Offenblende f/1.7 der Standard waren. Der Spruch taugt heute eher als Einstieg und Orientierung denn als Regel.

 

„Wenn du denkst, du bist nah dran, geh noch einen Schritt näher ran.“

Inhaltlich erinnert dieser Satz stark an das berühmte Robert-Capa-Zitat: „If your pictures aren’t good enough, you’re not close enough.“ Und darin steckt sehr viel Wahrheit.

Viele Fotos werden stärker, wenn wir entschlossener fotografieren. Wenn wir näher herangehen. Wenn wir Störendes weglassen. Wenn wir uns nicht mit einem sicheren Abstand zufriedengeben. Das kann ganz wörtlich gemeint sein — also tatsächlich körperlich näher an ein Motiv heranzugehen. Es kann aber auch bedeuten, emotional oder erzählerisch näher heranzurücken. Besser hinzuschauen. Mehr Beziehung zum Motiv aufzubauen.

Gerade in der Reportagefotografie, in der Street Photography und in der Portraitfotografie ist das ein sehr hilfreicher Gedanke. Gute Fotos entstehen oft nicht aus höflicher Distanz, sondern aus Nähe, aus Präsenz, vielleicht Intimität. Natürlich braucht es dabei Feingefühl, Respekt und Gespür für Situationen. Aber als Merksatz ist das extrem tauglich.

 

Auch das Titelbild zu diesem zweiten Teil des Beitrags habe ich von Nano Banana generieren lassen. Das passt schon so … auch wenn es den Spruch doch einfach nur zitiert und sehr direkt illustriert.

Sonne im Rücken, Auslöser drücken
Portrait im Gegenlicht

„Sonne im Rücken – Auslöser drücken.“

Das klingt erst einmal praktisch. Und ja: Wer die Sonne im Rücken hat, bekommt oft eine unkomplizierte Standardsituation. Das Motiv ist von vorne beleuchtet, die Kamera muss sich weniger mit Gegenlicht herumschlagen, und für einfache Erinnerungsfotos kann das gut funktionieren.

Fotografisch spannend ist diese Regel aber nur bedingt. Denn viele starke Bilder leben gerade nicht von frontaler Beleuchtung, sondern von Seitenlicht, Streiflicht oder Gegenlicht. Licht von vorn ist schon verlässlich, aber auch oft auch flach. Es zeigt alles, modelliert aber wenig. Es kann nützlich sein und doch nicht automatisch schön.

Deshalb würde ich sagen: Als Anfängerregel zur Vermeidung grober Belichtungsprobleme ist das okay. Als fotografischer Leitsatz reicht es definitiv nicht. Wenn du spannender fotografieren willst, beschäftige dich gerade auch mit schwierigeren Lichtsituationen.

 

„Die beste Kamera ist die, die du dabei hast.“

Das ist einer der bekanntesten Foto-Merksätze überhaupt. Der Satz kursiert seit vielen Jahren in Workshops, Blogs und Fotobüchern. Und das völlig zu Recht, denn er trifft „wunde Punkte” vieler FotografInnen: einerseits kann gemeint sein die ewige Suche nach der vermeintlich perfekten Ausrüstung und andererseits das Problem mit der „richtigen“ Kamera, die gerade nicht in die Tasche passt und sowieso zu schwer und zu groß ist und deswegen auch dieses Mal wieder daheim geblieben ist.

Der Satz beschreibt also etwas ganz Einfaches und sehr Wahres: Eine fantastische Kamera zuhause im Schrank macht kein einziges Bild. Eine klein, einfache oder technisch weniger perfekte Kamera in deiner Tasche dagegen schon. In der Praxis heißt das: Es ist oft wichtiger, überhaupt aufnahmebereit zu sein, als auf die perfekte Technik und den idealen Zeitpunkt zu setzen. Gerade im Alltag, auf Reisen, beim Spaziergang, unterwegs in der Stadt oder in ganz spontanen Situationen entstehen viele gute Fotos einfach deshalb, weil man eben doch etwas dabeihat.

Natürlich ist nicht jede Kamera für jede Aufgabe gleich gut geeignet. Klar. Für Sport, Wildlife oder große Printprodukte gibt es technische Unterschiede, und die sind auch real. Aber dieser Spruch zielt auf etwas anderes: auf Verfügbarkeit, Aufmerksamkeit und fotografische Praxis. Wenn du nur dann fotografierst, wenn die „große“ Ausrüstung komplett ist, fotografierst du schlicht seltener. Wenn du dagegen mit dem arbeitest, was gerade da ist – Smartphone, Kompaktkamera, kleine Systemkamera oder was auch immer – entwickelst du den wacheren Blick und die bessere fotografische Routine.

Praxisrelevant ist dieser Satz also absolut. Nicht als Absage an tolle Technik, sondern als freundliche Erinnerung daran, dass Fotos draußen entstehen und nicht in Ausrüstungslisten. Oder etwas direkter: Lieber ein gutes Foto mit der kleinen Kamera als gar kein Foto mit der idealen.

 

„Nicht die Kamera macht das Bild, sondern der Mensch dahinter.“

Auch das ist ein absoluter Klassiker unter den Foto-Weisheiten. Der Satz taucht in zahllosen Varianten auf und hat sich fast schon zum fotografischen Grundgesetz entwickelt. Er ist so verbreitet, weil er im Kern stimmt: die Technik allein erzeugt noch keine guten Fotos.

Denn was macht ein Bild wirklich aus? Nicht nur Sensorgröße, Autofokusleistung oder Serienbildgeschwindigkeit. Entscheidend sind Blick, Timing, Motivwahl, Lichtverständnis, Perspektive, Geduld, Gestaltung und oft auch ein Gefühl für den richtigen Moment. Zwei Menschen können mit gleichen Kameras fotografieren – und mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen nach Hause kommen. Weil sie, die Menschen unterschiedlich sind.

In der täglichen Praxis ist das ein sehr hilfreicher Gegenspieler zum Technikreflex, den viele von uns kennen. Wenn Bilder nicht so werden, wie wir uns das wünschen, liegt die Versuchung nahe, erst einmal an die Ausrüstung zu denken. Vielleicht ein besseres Objektiv. Vielleicht ein neuer Body. Vielleicht noch dies, vielleicht noch das. Manchmal ist bessere Technik tatsächlich sinnvoll. Aber ganz oft liegt der größere Hebel woanders: in besserem Sehen, bewussterem Bildaufbau, mehr Übung, mehr Geduld und einem klareren Verständnis von Licht und Situation.

Andererseits darf man den Satz aber auch nicht romantisch überhöhen. Eine weniger moderne oder technisch ausgestattete Kamera macht sehr wohl einen Unterschied. Schlechte Bedienbarkeit, langsamer Autofokus oder schwache Low-Light-Leistung können Grenzen setzen. Aber der Merksatz bleibt trotzdem richtig, weil er die Prioritäten wieder geradezieht: Die Kamera ist ein Werkzeug. Das Bild entsteht im Kopf, im Auge und im richtigen Moment – und dann erst in der Kamera.

Für EinsteigerInnen ist das ein guter und wichtiger Gedanke. Denn er nimmt ein wenig den Druck raus. Du musst nicht sofort die teuerste Ausrüstung besitzen, um fotografisch voranzukommen. Viel wichtiger ist, dass du übst, beobachtest, ausprobierst, Fehler machst und allmählich deinen eigenen Blick entwickelst. Das macht am Ende den eigentlichen Unterschied.

analog fotografieren!

„Wer fotografiert, hat mehr vom Leben“

Das ist weniger eine technische Regel als ein echtes fotografisches Bekenntnis. Und ehrlich: Ich kann dem diesem Bekenntnis zustimmen und es auch zu meinem Credo machen

Wer fotografiert, schaut anders. Langsamer vielleicht. Genauer. Aufmerksamer. Licht fällt plötzlich auf. Farben. Formen. Stimmungen. Kleine Details, die andere übersehen. Fotografieren verändert oft tatsächlich die Art, wie wir durch die Welt gehen. Es macht nicht automatisch alles tiefer, schöner oder besser. Aber es schärft den Blick. Und das ist schon viel. Ich genieße diese Art zu sehen, Motive zu finden und in Fotos zu übertragen.

Natürlich sollte man auch aufpassen, nicht nur noch durch die Kamera zu leben. Es gibt Momente, die man einfach erleben sollte. Aber oft ist Fotografieren eben gerade keine Distanz zum Leben, sondern eine intensivere Form des Hinschauens. Und insofern steckt in diesem Satz durchaus Wahrheit.

 

„Fotografieren macht glücklich“

Das klingt zunächst ein bisschen wie ein Kalenderspruch. Aber ich glaube auch hier, dass da für viele Fotomenschen ’ne Menge Wahres drinsteckt.

Fotografieren kann entschleunigen. Es kann im Kopf einiges sortieren. Es kann den Blick öffnen. Es kann motivieren, rauszugehen, Neues zu entdecken, genauer hinzuschauen, kreativer zu werden. Und es kann sehr erfüllend sein, wenn du merkst, dass dein eigenes Sehen bewusster und sicherer wird und Fotos entstehen, mit denen du erstens die Erinnerung an den Prozeß verbindest … und mit denen du zweitens ganz besondere, schöne, wichtige Ergebnisse bekommen hast..

Nicht jedes Foto muss dabei großartig sein. Nicht jede Tour oder Session muss Portfolio-Material liefern. Nicht jede Kamera muss perfekt sein. Manchmal reicht es völlig, dass das Fotografieren selbst einfach Freude macht und erfüllt. Vielleicht ist genau das sogar ein ziemlich guter Maßstab. Umso schöner dann, wenn auch das doch auch richtig gut geworden ist!

Portraitfotografie lernen in der Fotoschule Hannover
Intensivtraining Fotografie

Was wir von solchen Sprüchen lernen können

So Foto-Merksätze sind dann gut, wenn man sie als das nimmt, was sie sind: kleine Verdichtungen von Erfahrung. Sie helfen, Dinge schneller zu verstehen. Sie bringen auch mal komplexe Zusammenhänge auf den Punkt. Sie machen Fotografie zugänglich. Und manchmal bleiben sie einfach besser hängen als jede theoretische Erklärung.

Aber sie ersetzen nicht das eigene Denken. Und genau das ist wichtig. Denn gute Fotografie entsteht nicht dadurch, dass wir möglichst viele Sprüche kennen und irgendwie umsetzen. Gute Fotografie entsteht dadurch, dass wir ausprobieren, beobachten, vergleichen; sie entsteht dann, wenn wir Fehler machen, dazu lernen und allmählich den eigenen Blick und Stil entwickeln. Und manche dieser Sprüche merkt man sich eben nicht, weil sie perfekt sind – sondern weil sie einen kleinen Schubs in die richtige Richtung geben.

Wenn du magst, schau doch mal durch deine eigenen Foto-Erfahrungen: Welcher Spruch hat für dich tatsächlich eine Bedeutung bekommen? Und über welchen kannst du nur müde lächeln?

Fotokurs Hannover

Und wenn du nicht nur über solche Merksprüche schmunzeln, sondern Fotografie wirklich besser verstehen möchtest, dann findest du hier im Blog (und auch im Podcast: Abenteuer Fotografie – Der Podcast für Fotomenschen und Fotopraxis.) der Fotoschule viele weitere Beiträge zu Bildgestaltung, Licht, Perspektive und fotografischer Praxis. Und wenn du das Ganze nicht nur lesen oder hören, sondern auch direkt anwenden möchtest, dann sind vielleicht auch meine Fotokurse etwas für dich.

Das ist das Schöne am Blogpost der Fotoschule Hannover: du kannst hier auch gleich deinen passenden Kurs finden und in die Praxis starten 🙂 Denn gerade Themen wie Bildgestaltung, bewusster fotografieren, Portraitfotografie oder Landschaftsfotografie lassen sich in der Praxis und in der Gruppe am besten lernen – mit Kamera in der Hand, mit echten Motiven, mit und Aha-Momenten, mit Raum für Fragen und Übungen, mit Austausch untereinander und gegenseitiger Inspiration.

Fototrainer Thomas Kupas

Über den Autor

Thomas Kupas ist ausgebildeter Fotodesigner und immer noch leidenschaftlicher Fotograf und Fototrainer.
In seinem Blog schreibt er über alle Genres der Fotografie, über Fototechnik und über das Fotografieren lernen für AnfängerInnen.
In seinem Podcast und auf seinem YouTube-Kanal spricht er außerdem über interessante Themen und Entwicklungen in der Fotografie, erklärt und zeigt den Umgang mit Fototechnik und stellt spannende Fotospots und -locations vor.

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