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Fotografen-Latein

Kluge Merksprüche, halbe Wahrheiten und echte Foto-Erfahrung (Teil 1)

 

Es gibt ja nicht nur Bauernregeln und Angler-Latein, sondern auch so einige Merk- und Sinnsprüche, kleine Weisheiten, Erkenntnisse und Bekenntnisse von FotografInnen für FotografInnen. Manchen Spruch hast du vielleicht schon gehört … und weißt dann wohl auch, ob was dran ist oder nicht. Andere Merksätze kennst du vielleicht noch nicht. Dann machen Sie dir hier und heute womöglich noch einmal mehr Spaß 🙂

Merksprüche über Fotografie begleiten mich „schon immer“ und ich habe sie mir auch lange schon notiert, damit ich sie nicht vergesse. Und ich hatte mir vor einiger Zeit auch schon fest vorgenommen, irgendwann einmal ihre Herkunft zu recherchieren und ihren Sinn oder Unsinn in einem Blogpost zu erklären. Nicht bierernst, sondern mit einem Augenzwinkern – und vor allem auch mit Blick auf unsere fotografische Praxis. Denn manche dieser Sätze sind tatsächlich eine gute Merkhilfe. Andere sind eher halbwahr oder etwas veraltet. Und wieder andere sind vor allem deshalb schön, weil sie uns daran erinnern, worum es in der Fotografie eigentlich geht.

Die Frage ist ja immer erst einmal: Was soll das eigentlich bedeuten? Und stimmt das überhaupt?

Denn solche Sprüche entstehen nicht zufällig. Sie kommen meist aus der fotografischen Praxis, aus Werkstattgesprächen, aus Kursen, aus der Analogzeit, aus Büchern oder einfach aus vielen Jahren Erfahrung. Das Problem ist nur: Sobald ein Merksatz besonders eingängig ist, klingt er schnell nach Gesetz. Und genau das ist er natürlich nicht.

Fotografie ist keine Ansammlung von Formeln, die man nur richtig auswendig lernen muss. Und es gibt kaum je „die richtige“ Einstellung oder „die beste“ Kamera. Aber sie ist eben auch kein völlig regelloser Raum. Gute Merksprüche können helfen, typische Anfängerfehler zu vermeiden, Licht besser zu verstehen, Bildgestaltung bewusster einzusetzen oder überhaupt einmal auf eine bestimmte Idee zu kommen. Du solltest sie nur nicht blind glauben. Sondern ihren Sinn und Wert verstehen.

Schauen wir uns also in Teil 1 dieses Beitrags also ein paar besonders bekannte Beispiele einmal genauer an.

 

„Vordergrund macht Bild gesund“

Das ist einer dieser klassischen Fotografensprüche, die du mit Sicherheit schon gehört hast. Und ja: Da ist wirklich etwas dran.

Gemeint ist, dass ein Foto oft gewinnt, wenn es nicht nur ein Motiv irgendwo in der Fläche zeigt, sondern zusätzlich einen Vordergrund enthält. Ein bewusst eingesetzter Vordergrund kann deinem Foto mehr Tiefe geben, den Blick ins Bild hineinführen und die Komposition interessanter machen. Gerade in der Landschaftsfotografie ist das oft sehr hilfreich. Ein Stein, ein Zaun, Blumen, Gräser, eine Kante, ein Weg oder irgendein Element im Vordergrund kann einem ansonsten recht flachen Bild plötzlich Struktur geben.

Aber natürlich gilt auch hier: Nicht jeder Vordergrund ist automatisch gut. Ein chaotischer oder belangloser Vordergrund macht ein Bild nicht gesund, sondern oft nur unruhig. Der Spruch ist also als Denkimpuls sehr brauchbar. Er erinnert dich daran, dass Fotos kompositorisch oft stärker werden, wenn sie räumlich gestaffelt sind. Er ersetzt aber nicht deinen Blick und deine Entscheidung für den gerade passenden Vordergrund.

Und natürlich gilt dieser „Hinweis“ auch für andere als Landschaftsfotos. Auch in der Portraitfotografie, in der Tierfotografie oder in der Reportagefotografie kannst du deine Fotos entlang dieser Regel interessanter gestalten.

 

„Sonne lacht, Blende acht“

Das ist eine der bekanntesten alten Belichtungsregeln überhaupt. Sie stammt aus einer Zeit, in der man Belichtung oft deutlich bewusster und viel häufiger ohne jede Automatik einschätzen musste. Der Sinn dahinter ist einfach: Bei strahlendem Sonnenschein kommt man mit einer eher geschlossenen Blende und einer passenden Zeit oft schon in einen brauchbaren Belichtungsbereich.

Als Merkhilfe ist das immer noch interessant. Wer du dich mit Belichtung beschäftigen willst, bekommst du durch solche Regeln ein besseres Gefühl dafür, wie viel Licht bei Sonne eigentlich vorhanden ist. Gerade zu Beginn deinen FotografInnen-Karriere ist das sehr wertvoll, weil Belichtung dadurch greifbarer wird und nicht nur wie ein geheimnisvoller Kameraprozess wirkt.

Wörtlich nehmen sollte man den Spruch heute aber nicht. Licht ist nicht immer gleich Licht. Es gibt Gegenlicht, Reflexionen, helle und dunkle Motive, hohe Kontraste und gestalterische Gründe, von so einer Faustregel abzuweichen. Trotzdem: Als Einstieg in das Denken über Belichtung ist „Sonne lacht, Blende acht“ durchaus charmant und nützlich.

Ich würde sagen: probiere es einfach mal aus! Setze die Empfindlichkeit auf 200 ISO, die Blende eben auf f/8 und die Verschlußzeit erst einmal auf 1/200. Passt das? Bekommst du damit eine einigermaßen korrekte Belichtung? Dann hast du etwas gelernt, dann hast du ein „Gefühl bekommen“. – Wenn deine Foto nicht richtig belichtet ist, weißt du ja, was zu tun ist. Und du hast dein Fotowissen erfolgreich angewendet.

Das Beitragsbild oben habe ich von Nano Banana generieren lassen. Wenn du genau hinschaust, siehst du, dass ich mich im Prompt verschrieben habe … und auch die KI hat es nicht bemerkt 🙂 Sieh dir auch die Blendenzahlen auf dem Objektiv einmal genau an!

Vordergrund macht Bild gesund.
Sonne lacht, Blende acht

„Fill the Frame“

Das ist kein altdeutscher Reim, sondern eine der bekanntesten Gestaltungsregeln aus der Fotografie. Gemeint ist: Fülle den Bildrahmen mit deinem Motiv. Oder anders gesagt: Lass dein Hauptmotiv nicht verloren irgendwo in einer großen, leeren Fläche herumstehen, wenn es das eigentlich nicht soll.

Gerade AnfängerInnen fotografieren oft etwas unsicher und zaghaft. Sie bleiben ein bisschen zu weit weg, nehmen zu viel Umgebung mit aufs Bild und wundern sich dann später, warum das Motiv nicht wirklich wirkt. „Fill the Frame“ ist deshalb ein sehr guter Hinweis. Geh näher ran. Mach klar, worum es im Bild geht. Reduziere Ablenkungen. Sei entschiedener.

Natürlich ist auch das keine Regel, die immer gilt. Manchmal ist der Raum um ein Motiv herum gestalterisch genau der Punkt. Negativer Raum kann stark sein. (Ich liebe diese Art der Bilgestaltung und habe darüber geschrieben und gesprochen: die Links zum Blogpost und Podcast-Folge findest du in den Shownotes.) Weite kann wichtig sein. Leere kann Aussage tragen. Aber wer sich diesen Spruch merkt, lernt zumindest schneller, ein Motiv im Bild ernst zu nehmen und ihm genug Gewicht zu geben.

 

„Deine ersten 10.000 Fotos sind die schlechtesten.“

Dieser Satz wird sehr häufig Henri Cartier-Bresson zugeschrieben, also einem der berühmtesten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Ob man die Formulierung in genau dieser Form bis zur allerersten Quelle sauber zurückverfolgen kann, ist gar nicht so entscheidend. Entscheidend ist: Der Satz trifft etwas sehr Wahres.

Niemand wird gut, nur weil er oder sie eine Kamera besitzt. Fotografisches Sehen entsteht durch Übung. Durch Versuch und Irrtum. Durch sehr viele Bilder. Mit „Hilfe“ von Fehlschlägen. Durch das spätere Anschauen. Durch Nachdenken. Und durch noch mehr Praxis.

Das Schöne an diesem Spruch ist, dass er zwei Dinge gleichzeitig tut. Er ist ein bisschen gnadenlos, aber auch entlastend. Er sagt nämlich: Es ist völlig normal, dass am Anfang vieles nicht so gut klappt. Niemand muss sofort Meisterwerke produzieren. Aber besser wird man eben nicht durch Warten, Grübeln oder Ausrüstungskäufe, sondern durchs Fotografieren. Und im Zeitalter der Digitalfotografie ist ja auch nicht mehr so schwer und langwierig, auf 10.000 und mehr Fotos zu kommen. Du siehst dann selbst und mit jedem weiteren Foto: sie werden immer besser! – Insofern ist das kein frustrierender Satz, sondern eigentlich ein sehr motivierender.

Die ersten zehntausend Fotos sind die schlechtesten.

„Zum Fotografieren braucht man Zeit.
Wer keine Zeit hat, kann ja knipsen.“

Dieser Spruch ist ein wenig frech, vielleicht sogar leicht elitär – aber ganz falsch ist er nicht. Denn gute Fotografie braucht tatsächlich oft Zeit. Zeit zum Schauen. Zeit zum Warten. Zeit zum Ausprobieren. Auch Zeit dafür, ein Motiv wirklich zu sehen und zu verstehen … und nicht nur schnell aufzunehmen.

Gerade in der Landschaftsfotografie, in der Portraitfotografie oder auch „auf Reportage“ merkst du schnell, dass gute Bilder selten aus in Eile oder nebebei entstehen. Wer ständig nur durch Situationen hindurchrauscht, sieht oft nicht genug. Wenn du dir Zeit nimmst, entdeckst du Licht, Linien, Ausdrücke, Momente und Zusammenhänge viel bewusster.

Trotzdem würde ich den Spruch nicht zu streng auslegen. Auch spontane Schnappschüsse können großartig sein. Und manchmal liegt genau darin ihre Stärke. Das Wort „knipsen“ ist also vielleicht ein bisschen unfair. Aber der Kern stimmt: Bewusst fotografieren hat viel mit Aufmerksamkeit zu tun. Und Aufmerksamkeit braucht meistens ein wenig Zeit.

 

„Zwischen 12 und 3 hat der Fotograf frei!“

Das ist eine typische fotografische Bauernregel. Gemeint ist natürlich die Mittagszeit und das harte Mittagslicht, das viele Motive unerquicklich aussehen lässt. Die Sonne steht hoch, die Schatten werden hart, Gesichter bekommen Augenhöhlen, Kontraste knallen, Farben werden flach, Atmosphäre geht verloren.

Und ja: Gerade für Landschaftsfotografie, Naturfotos oder Portraits draußen ist das Licht morgens und abends meistens sehr viel schöner. Weicher, wärmer, räumlicher, stimmungsvoller. Wenn du also schönes Licht suchst, wirst mittags tatsächlich oft weniger glücklich.

Aber auch dieser Spruch ist nur halb wahr. Denn das harte Licht mitten am Tag kann fotografisch durchaus interessant sein. In der Street Photography, bei grafischen Motiven, in der Architekturfotografie oder für kontrastreiche Schwarzweißbilder kann genau dieses Licht spannend sein. Der Fotograf hat also leider nicht frei. Er oder sie muss nur anders sehen, andere Motive fotografieren oder das Mittagslicht irgendwie formen.

Zum Fotografieren braucht man- Zeit
Zwischen 12 und 3 hat der Fotograf frei.

„Es gibt nur eine Regel in der Fotografie:
Entwickle niemals einen Film in Hühnersuppe.“

Dieser herrlich absurde Satz wird Freeman Patterson zugeschrieben und gehört für mich zu den sympathischsten Fotozitaten überhaupt. Denn er macht sich auf eine sehr kluge Weise über den Regelwahn lustig, der in der Fotografie manchmal herrscht.

Natürlich gibt es technische Grundlagen. Natürlich helfen Gestaltungsregeln. Natürlich ist es sinnvoll, Belichtung, Schärfentiefe, Perspektive und Licht zu verstehen. Aber gute Fotografie entsteht nicht dadurch, dass du möglichst brav alle Regeln einhältst. Gute Fotografie entsteht oft gerade dann, wenn du etwas ausprobierst, etwas weglässt, etwas verdichtest oder bewusst gegen Erwartungen arbeitest. Wenn du also frei und mutig bist.

Dieser Spruch ist deshalb vor allem als Haltung wertvoll. Lerne die Grundlagen. Verstehe, was du tust. Aber klebe nicht an Regeln, als wären sie heilig. Ein Foto darf überraschen. Es darf unperfekt sein. Es darf anders funktionieren, als ein Lehrbuch es nahelegt. Und ein bisschen Humor schadet sowieso nie.

Fotografen-Latein

So, mit dieser Aufforderung zu Experimentierfreude und Humor beende ich diesen ersten Teil dieses Blogposts. Nachhören kannst du alles auch in einer gleichnamigen Podcast-Episode: Abenteuer Fotografie – Der Podcast für Fotomenschen und Fotopraxis.

Im zweiten Teil des Beitrags wird es munter weitergehen mit mehr von diesen Sprüchen. Zum Beispiel „Bei Mensch und Tier Blende 4“. Ist da was dran … außer „gut gereimt“? Wir klären das.

Fototrainer Thomas Kupas

Über den Autor

Thomas Kupas ist ausgebildeter Fotodesigner und immer noch leidenschaftlicher Fotograf und Fototrainer.
In seinem Blog schreibt er über alle Genres der Fotografie, über Fototechnik und über das Fotografieren lernen für AnfängerInnen.
In seinem Podcast und auf seinem YouTube-Kanal spricht er außerdem über interessante Themen und Entwicklungen in der Fotografie, erklärt und zeigt den Umgang mit Fototechnik und stellt spannende Fotospots und -locations vor.

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