Wie geht Schärfentiefe?

Schärfentiefe ist eines der wichtigsten Gestaltungsmittel in der Fotografie. Sie „macht“ das Motiv und hat entscheidenden Einfluss auf „look & feel“ eines Fotos, auf seine Aussage und Stimmung. Wie Schärfentiefe „funktioniert“ beschreibe ich in diesem Teil 1 meines Beitrags zum Thema.

Wir kennen alle Beispiele für Fotos mit sehr wenig und mit sehr viel Schärfentiefe. Ich verweise für erstere immer gern auch auf Portraitfotos oder auf die Foodfotografie; als Referenz für Bilder mit viel Schärfentiefe führe ich Landschaftsfotos an. Ihr habt da sicher auch gleich Bilder im Sinn. (Ein Klick auf die Beispiel-Fotos in diesem Beitrag zeigt euch die Aufnahmedaten.)

Landschaftsfoto mit viel Schärfentiefe: 22 mm, f/5.6, 1/250
Portraitfoto mit wenig Schärfentiefe: 135 mm, f/2, 1/640

In meinen Anfänger-Workshops spielt das Thema regelmäßig eine große Rolle. Denn eine der häufigsten Fragen ist: „Wie bekomme ich den Hintergrund in meinen Bildern so schön verschwommen hin?“

„Das ist ganz einfach“, sage ich darauf, „du musst nur die Blende öffnen!“ Und dann wird‘s doch erst wieder kompliziert. Das Zusammenspiel von Brennweite, Blende und Bildaufbau (Abbildungsentfernung, Hintergrund-Art und -Entfernung, Motivgröße) ist gar nicht mal sooo leicht zu verstehen … und nicht leicht in’s Wunschbild umzusetzen, wenn die immer noch sehr verbreiteten Kit-Objektive (18–55 mm Brennweite bei f/3.5–5.6) an den Kameras sitzen.

Viel Schärfentiefe

Viel Schärfentiefe zu bekommen, ist ziemlich leicht: Blende zu (große Blendenzahl: f/8 oder f/11) und/oder Brennweite kurz (35 mm KB z.B.) bei größerem Abstand zum Motiv (zwei, drei und mehr Meter) funktioniert immer. Da kann man/frau „ganz normal“ fotografieren, womöglich sogar im Automatik-Modus. Es wird einfach alles scharf.

Wenig Schärfentiefe

Ein Bild mit wenig Schärfentiefe zu machen, ist „theoretisch“ auch leicht. Praktisch ist aber mehr zu beachten, damit das gelingt. Die Blende weit zu öffnen (auf f/2.8 oder vielleicht auf f/1.8 z.B.) geht eben nicht mit jedem Objektiv: und bei Kit-Objektiven erst recht nicht bei den (längeren) Brennweiten, die wenig Schärfentiefe eher sichtbar werden lassen. Das ist doppelt doof. Wir müssen also mit Kit-Objektiven richtig „arbeiten“ für unsere Freistellungseffekte. Bei 55 mm Brennweite also ganz dicht – bis auf die Naheinstellgrenze – ran an’s Motiv und bei waagerechter Kamera den Hintergrund so in‘s Bild eingebaut, dass er weit weg ist und deswegen unscharf werden kann. (Das Motiv sollte schon relativ klein sein, damit eben auch noch Platz für Hintergrund im Bild ist.) Das ist eine Möglichkeit, bei Blende f/5.6 Motiv und Hintergrund durch deutliche Schärfenunterschiede voneinander zu trennen. (Sieh dir auch meinen Blogpost über Kit-Objektive an: Sind Kit-Objektive brauchbar?)

Ein andere Möglichkeit ist natürlich, ein lichtstärkeres Objektiv zu nutzen: bei Brennweiten ab 50 mm (KB) und Blendenwerten von f/2.8 oder f/1.8 oder gar f/1.2 tritt der Effekt „wenig Schärfentiefe“ sehr viel eher und drastischer auf. Und eine weitere, euch sicher auch schon bekannte Variante von Fotos mit sehr wenig Schärfentiefe ist die, bei denen man sehr, sehr dicht an’s Motiv ran kann: mit speziellen Makro-Objektiven nämlich, die haben Brennweiten um die 100 mm, eine Offenblende von f/2.8 und eine Naheinstellgrenze von wenigen Zentimetern.

Wenig Schärfentiefe bei 86 mm, f/2.8, 1/640 – Abbildungsentfernung: etwa 50 cm

Ich will euch nun nicht mit noch mehr „Theorie“ und Text langweilen, ein paar anschauliche Fotos und Grafiken sind aber sicher ganz hilfreich beim Schärfentiefe-Verstehen. Die folgen in Teil 2 dieses Blogposts.